Vom Fensterplatz aus denkt Polina Kurdyavko, Head of EM Debt, über ihre Reise durch Südamerika nach.
Ein Fensterplatz ist etwas ganz Besonderes. Vor einigen Wochen, als ich nach der IWF-Jahrestagung in Washington D.C. Brasilien, Argentinien und Kolumbien bereiste, blickte ich aus dem Flugzeugfenster auf die weiten Landschaften unter mir. In solchen Momenten sieht man die Welt im wahrsten Sinne des Wortes aus der Vogelperspektive und hat Zeit, um über die Chancen und Risiken dieser Länder nachzudenken. Investoren müssen den Überblick behalten und dürfen nicht vergessen, dass die politischen Entscheidungen, für die sie sich einsetzen, nach ihrer Umsetzung erhebliche Nebenwirkungen haben können.
Überblick: Was stand auf unserer Wunschliste?
1. Eine geldpolitische Wende: Zu den größten Veränderungen, die wir in den vergangenen 25 Jahren in vielen Schwellenländern beobachtet haben, gehört die Wende hin zu einer konservativen Geldpolitik. Das Ergebnis war bessere Inflationskontrolle, zudem konnten die Schwellenländer große und komplexe lokale Märkte entwickeln und ihre Abhängigkeit von ausländischen Kreditgebern deutlich reduzieren: Über 90% aller Schwellenländeranleihen werden inzwischen in Landeswährung begeben, die Emittenten gegen externe Finanzierungsschocks schützen. Aber: Selbst gut gemeinte politische Entscheidungen können unbeabsichtigte Folgen haben.
eispiel Brasilien: Die massive Inflation im Dienstleistungssektor, laut Zentralbankpräsident Galipolo das Ergebnis des stärksten Arbeitsmarktes seit 30 Jahren, hat die Zentralbank im vergangenen Jahr dazu veranlasst, die Zinsen um 425 Basispunkte auf heute 15% zu erhöhen. Und tatsächlich hat die Banco do Brasil die durch den Arbeitsmarkt und die Finanzpolitik verschärfte Inflation unter Kontrolle gebracht.
Die hohen Zinsen machen jedoch auch Unternehmenskredite deutlich teurer, weshalb Unternehmen mit einem Leverage-Verhältnis von über 3 heute 60% ihres EBITDA für die Bedienung ihrer Zinsen aufwenden müssen. Sogar einige der Unternehmen mit Investment-Grade-Rating, die ich in Sao Paulo getroffen habe und die sich lokal finanzieren, mussten im letzten Jahr zusehen, wie sich ihr Leverage und ihre Zinskosten fast verdoppelten – eine unhaltbare Situation, die zu einem deutlichen Anstieg der Zahlungsausfälle in Brasilien geführt hat.
Nach Angaben des Bloomberg-Analysten Gabriel Gusan waren im Juni 2025 31% aller brasilianischen Unternehmen (einschließlich Kleinstunternehmen) mit der Rückzahlung ihrer Kredite im Verzug. Auch auf der anderen Seite des Planeten, in der Türkei, haben die Zinsen zweistellige Raten erreicht, nachdem die Zentralbank ihren Leitzins von 8,5% im Juni 2023 auf 50% im März 2024 erhöht hat. Trotz der Zinssenkungen in diesem Jahr auf 39,5% ächzen türkische Unternehmen noch immer unter den hohen Kreditkosten, auch wenn sich viele Emittenten sowieso eher im Ausland finanzieren.
Im kommenden Jahr erwarten wir einen Anstieg der Zahlungsausfälle im privaten Sektor, insbesondere in einigen Segmenten des brasilianischen Marktes, wo die konservative Geldpolitik die Bilanzen ausgehöhlt hat. Besonders betroffen dürften Sektoren sein, die zusätzlich unter Nachfragerückgang und Margendruck leiden. Ein Lichtblick: Die meisten brasilianischen Unternehmen haben in den letzten zwei Jahrzehnten schon viele Krisen überstanden und sind heute relativ resilient.
Doch auch wenn die Zahlungsausfälle steigen sollten, ist die Qualität der brasilianischen Unternehmen insgesamt weiterhin solide. Versierte Investoren finden in dem Land daher immer noch attraktive Anlagemöglichkeiten, wegen der attraktiven Realzinsen und der anhaltend konservativen Geldpolitik sehen wir vor allem bei Anleihen in Landeswährung Potenzial.