Seit Anfang der 2000er-Jahre hat die Welt die Nachwirkungen der Dotcom-Blase, die globale Finanzkrise, die Staatsschuldenkrise in der Eurozone, eine Pandemie, mehrere Kriege und die aggressivste geldpolitische Straffung in den USA seit 40 Jahren durchlebt. Dennoch befinden sich die Aktienmärkte, insbesondere in den Vereinigten Staaten, nahe ihren Allzeithochs.
Auf den ersten Blick erscheint dies rätselhaft. Das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern war moderat, die Produktivitätsentwicklung enttäuschend. Die Unternehmensgewinne sind gestiegen, jedoch nicht in einem Maße, das intuitiv mit dem Anstieg der Aktienkurse einhergeht. Wie lässt sich dieser Anstieg also erklären?
Ein schrumpfender Maßstab
Die unangenehme Wahrheit ist, dass einem großen Teil dieser Aktiengewinne eine monetäre Illusion zugrunde liegt – sie sind nicht das Spiegelbild eines extrem gewachsenen Wohlstands, sondern eines schrumpfenden Maßstabs. Wir erleben keine Explosion des inneren Werts der Unternehmen, sondern einen kontinuierlichen Wertverlust der Währungen, in denen sie gemessen werden. Die Recheneinheit hat sich verändert. Sie ist geschrumpft, und daher scheint alles, was mit ihr gemessen wird, zu wachsen.
Ein einfaches, konkretes Beispiel veranschaulicht dies. In Frankreich und Deutschland kostete Ende der 1990er-Jahre, vor der Einführung des Euro, ein Café au lait in einem Pariser oder Frankfurter Café etwa sechs bis acht französische Francs oder zwei bis drei Deutsche Mark – umgerechnet etwa 0,90 bis 1,20 Euro. Heute kostet dieselbe Tasse Kaffee in der Regel 3,50 bis 5,00 Euro, in der Pariser Innenstadt oder in München sogar noch deutlich mehr. Der Kaffee ist nicht dreimal besser geworden. Was sich geändert hat, ist die Kaufkraft der Währung, mit der er bezahlt wird. Sie ist gesunken.
Das Gleiche gilt für die Vereinigten Staaten. 2000 kostete eine Tasse Kaffee in einem Standard-Diner etwa einen US-Dollar. Heute kostet sie drei bis fünf US-Dollar. Preise für Kinokarten haben sich mehr als verdoppelt. Ein durchschnittliches Haus in Amerika kostete 2000 etwa 165.000 US-Dollar, heute sind es über 400.000 US-Dollar. Dies liegt nicht daran, dass der Durchschnittsamerikaner so viel reicher geworden ist – es reflektiert vielmehr den Kaufkraftverlust des US-Dollars.
Wenn Investoren also feiern, dass die Aktienmärkte seit 2000 um mehrere 100 Prozent gestiegen sind (wobei der größte Teil der Gewinne in den vergangenen zwölf Jahren erzielt wurde), sollten Sie sich fragen: Gestiegen im Vergleich zu was? Im Vergleich zu einer Fiatwährung, die im gleichen Zeitraum mehr als die Hälfte ihrer Kaufkraft verloren hat. Die korrekte Sichtweise ist nicht, dass die Aktienkurse gestiegen sind, sondern dass der US-Dollar und der Euro gefallen sind. Die Aussage, dass die Aktienmärkte seit 2000 dramatisch gestiegen sind, suggeriert eine spektakuläre Vermögensbildung. Die Aussage, dass der US-Dollar, der Euro oder die meisten Papierwährungen einen erheblichen Teil ihrer Kaufkraft verloren haben, deutet dagegen auf eine Neubewertung von Aktien in Zeiten schleichender Geldentwertung hin.
Wenn das Angebot an Papiergeld schneller wächst als das Angebot an Waren und Dienstleistungen, steigen die Preise für letztere, um dies auszugleichen. Aktien – die Eigentumsanteile an produktiven, realen Unternehmen darstellen – sind einfach die ersten Anlagen/Investments[?], die sich an die neue monetäre Realität anpassen.
Lesen Sie Guy Wagners vollständigen Artikel "Die große monetäre Illusion: Der Anstieg der Aktienmärkte in einer fragilen Welt".