Anleger revidieren ihre Bewertung von Software-Aktien, nachdem es neue Erkenntnisse gibt, wie künstliche Intelligenz die Branche verändern wird. Einige Fondsmanager sind der Meinung, dass der Kursrückgang zu weit gegangen ist, auch wenn die Unsicherheit über die langfristige Gewinnentwicklung bestehen bleibt.
Die Deutsche Bank stufte die Softwarebranche im März mit Verweis auf die stark gesunkenen Bewertungen übergewichtet ein. Investoren wie Jennison Associates und Nuveen bauen gleichzeitig selektiv Positionen in Unternehmen auf, von denen sie glauben, dass sie resistent gegen die KI-Disruption sind – oder sogar davon profitieren könnten.
„Das Ausmaß der Korrektur, die in diesem Jahr stattgefunden hat, ist übertrieben“, sagt Lodewijk van der Kroft, Portfoliomanager bei Comgest, gegenüber Investment Officer. „Diese Unternehmen sitzen nicht wie leichte Beute herum und warten darauf, gefressen zu werden.“
Diese Verschiebung unterstreicht, dass der Markt immer deutlicher zwischen Unternehmen unterscheidet, die verwundbar sind, und solchen, die tatsächlich gestärkt aus diesem Wandel hervorgehen können.
Verankerte Positionen
Van der Kroft zufolge sollten sich Investoren auf Unternehmen konzentrieren, die für ihre Kunden unverzichtbar sind, über einzigartige Daten verfügen und selbst stark in KI investieren können. Zu den Positionen von Comgest gehören SAP, RELX, Adyen, Experian, LSEG, Microsoft, Verisk, S&P Global und Intuit.
„Diese Unternehmen verfügen über proprietary data, auf die externe KI-Anwendungen einfach nicht zugreifen können“, so van der Kroft.
Neubewertung des KI-Risikos
Software gehört seit Jahren zu den beliebtesten und am höchsten bewerteten Segmenten des Aktienmarktes. Diese Position steht nun unter Druck, da die Investoren die Nachhaltigkeit von Abonnementmodellen in einer Welt, in der KI Prozesse automatisieren, überdenken.
Der iShares Expanded Tech-Software Sector ETF ist in diesem Jahr um mehr als 20 Prozent gefallen und liegt etwa 30 Prozent unter seinem Höchststand vom September 2025.
Der Rückgang spiegelt vor allem eine Neubewertung des sogenannten Terminal Value wider, des Multiplikators, den Anleger langfristigen Gewinnen zuweisen, und nicht etwa eine Verschlechterung der momentanen Fundamentaldaten. „Wenn man ein Unternehmen bewertet, sehen die aktuellen Zahlen gut aus“, sagt van der Kroft. „Aber was passiert in fünf Jahren? Diese Unsicherheit wird jetzt eingepreist.“
Oracle veranschaulicht diese Diskrepanz. Die Aktie ist seit ihrem Höchststand im September um 52 Prozent gefallen, während der Umsatz um 22 Prozent und die Cloud-Infrastruktur sogar um 84 Prozent gestiegen sind. Die Aktie wird jetzt mit dem 20-Fachen des erwarteten Gewinns gehandelt und liegt damit unter dem Niveau des S&P 500, während die Analysten von einem jährlichen Umsatzwachstum von 35 Prozent bis 2029 ausgehen. Selbst bei RELX, das derzeit mit dem 17-Fachen des Gewinns gehandelt wird, sieht van der Kroft eine Bewertung, die er in seiner Karriere nur selten erlebt hat.
Selektiver Einstieg
Die Anleger reagieren mit einer Feinabstimmung ihres Engagements. Jennison Associates meidet branchenspezifische SaaS-Lösungen (vertikale Software) und traditionelle Lizenzierungsmodelle, die nach Ansicht des Unternehmens am anfälligsten für KI sind. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf Infrastruktur- und Sicherheitsunternehmen wie Cloudflare, CrowdStrike, Snowflake und Datadog.
Auf der Hardwareseite sieht Jennison Chancen bei Chipmaschinenherstellern wie Lam Research und ASML sowie bei TSMC, wo begrenzte Kapazitäten und mangelnder Wettbewerb die Preissetzungsmacht unterstützen. Laut Jennison ist die Nachfrage nach KI-Kapazitäten so groß, dass die Unternehmen ihr Angebot absichtlich unter ihrer maximalen Kapazität halten, um ihre Preissetzungsmacht zu erhalten. Nach Ansicht des Unternehmens deutet dies auf eine robuste Grundnachfrage hin.
Auch Nuveen setze auch auf Softwareunternehmen, die eine individuelle Anpassung ermöglichen und einen Wettbewerbsvorteil haben, so Laura Cooper (Bild), Global Investment Strategist bei Nuveen, gegenüber Investment Officer. „Unternehmen mit standardisierten Modellen sind am gefährdetsten.“
Goldman Sachs hat eine Long-Short-Strategie entwickelt, die der gleichen Logik folgt, mit Long-Positionen in Unternehmen mit hohen Umstellungskosten sowie regulatorischen Hindernissen und Short-Positionen in Unternehmen, die durch Automatisierung gefährdet sind.
Komplexes wirtschaftliches Umfeld
Das makroökonomische Umfeld macht das Bild noch komplexer. Eine Analyse von Schroders legt dar, dass Technologieaktien in der Vergangenheit in stagflationären Zeiten, in denen sich das Wachstum verlangsamt und die Inflation hoch bleibt, schlechter abgeschnitten haben. Steigende Energiepreise machen ein solches Szenario wahrscheinlicher.
„Der US-Markt sticht durch die hohe Gewichtung von IT hervor“, sagt Duncan Lamont, Head of Strategic Research bei Schroders. Europa, das stärker in der Industrie und bei den Versorgern engagiert ist, könnte daher vergleichsweise besser positioniert sein.
Gleichzeitig sind Technologieunternehmen derzeit profitabler und internationaler als in früheren Zyklen, was einen direkten Vergleich erschwert, aber die Richtung relevant macht.