Der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat davor gewarnt, dass Europa in den kommenden Jahren seine verbleibenden Sitze in der Gruppe der sieben führenden Industrienationen verlieren könnte. Grund sei das sinkende wirtschaftliche Gewicht des Kontinents in einer sich rasch verändernden Weltordnung.
„In 15 Jahren ist kein europäischer Staat mehr bei den sieben größten Industrienationen der Welt“, sagte Juncker auf der deutschsprachigen Anlegerkonferenz Lumpi in Luxemburg. Demografische und wirtschaftliche Trends würden die globalen Machtverhältnisse zunehmend verschieben.
Juncker ordnete diese Entwicklung in eine breitere Analyse der europäischen Rolle in der Welt ein. Europa habe einst rund 30 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung gestellt, liege heute jedoch nur noch bei etwa 15 bis 16 Prozent.
„Heute schon finden 80 Prozent der Wertschöpfung außerhalb der Europäischen Union statt“, sagte Juncker. „Dies bleibt nicht ohne Folgen.“
Abhängigkeit von den USA verringern
Am Rande der Konferenz sagte Juncker im Gespräch mit Investment Officer, Europa müsse seine Rolle in der Welt neu definieren.
„Ich glaube, wir müssen unserer Aufgabe in der Welt besser gerecht werden“, sagte er. „Das heißt, dass wir Handelsverträge abschließen müssen, um aus der einseitigen Abhängigkeit von den Amerikanern herauszukommen.“
Derzeit sind Deutschland, Frankreich, Italien und das Vereinigte Königreich Teil der G7. Zudem nimmt die Europäische Union an den Treffen teil, verfügt aber nicht über das Recht, einen Gipfel auszurichten oder den Vorsitz zu übernehmen.
Juncker betonte, Europa könne seinen Einfluss nur bewahren, wenn es stärker gemeinsam auftrete. Entscheidend sei unter anderem, den europäischen Binnenmarkt weiter zu vertiefen.
„Wir haben Europa in 27 kleine Wirtschaftsräume eingeteilt“, sagte Juncker. „Die Kapitalmarktunion existiert mehr in der Theorie als in der Realität.“
Auch die Bankenunion sei noch unvollständig.
Handelsabkommen sichern Arbeitsplätze
Juncker verteidigte zugleich die europäische Strategie, weltweit Handelsabkommen abzuschließen. Trotz politischer Widerstände in einzelnen Mitgliedstaaten seien diese Vereinbarungen zentral für Beschäftigung und Wachstum in Europa.
„Allein von diesen Handelsvereinbarungen hängen 40 Millionen Arbeitsplätze in Europa ab“, sagte Juncker.
Handelsabkommen seien in der öffentlichen Debatte häufig unpopulär, würden aber missverstanden.
„Handelsverträge sind massiv ungeliebt“, sagte er. „Das Gegenteil ist wahr. Es geht um unsere Arbeitsplätze und unseren Wohlstand.“
Friedensdividende aufgebraucht
Zugleich müsse Europa seine Sicherheitspolitik neu ausrichten, sagte Juncker mit Blick auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine und die zunehmenden geopolitischen Spannungen.
„Die Friedensdividende ist verbraucht“, sagte er. Nach dem Ende des Kalten Krieges habe Europa eine Phase relativer Stabilität erlebt, die nun vorbei sei.
Europa müsse deshalb seine Verteidigungsanstrengungen erhöhen.
Gleichzeitig kritisierte Juncker die Zersplitterung der europäischen Rüstungslandschaft. Während Europa rund 150 verschiedene Waffensysteme betreibe, gebe es in den USA deutlich weniger.
„80 Prozent der europäischen Beschaffungsmärkte im Verteidigungsbereich sind rein national ausgerichtet“, sagte Juncker.
Mehr Zusammenarbeit könne erhebliche Einsparungen ermöglichen. „Wenn wir stärker zusammenarbeiten würden, könnten wir etwa 100 Milliarden Euro pro Jahr sparen.“
Zur Finanzierung zusätzlicher Verteidigungsausgaben brachte Juncker erneut gemeinsame europäische Schulden ins Gespräch.
„Ich habe schon 1999 Eurobonds vorgeschlagen“, sagte er. „Damals wäre ich dafür auf dem Dorfplatz erschossen worden.“
Anekdote über Putin
Juncker berichtete auch von persönlichen Begegnungen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, den er über viele Jahre kannte.
Bei einem Besuch im Kreml habe Putin ihn zunächst in eine kleine Kapelle geführt. Seine Mutter habe ihn im Glauben erzogen, habe der russische Präsident erklärt. „Es gibt kaum Spuren davon,“ sagte er.
Putin spreche zwar Deutsch, kenne aber nicht immer die feinen Unterschiede der Sprache, sagte Juncker. „Er spricht Deutsch, aber den Unterschied zwischen segnen und kreuzigen kennt er nicht.“
Heute sehe sich Putin selbst als Opfer des Westens. „Putin glaubt, er sei gekreuzigt worden“, sagte Juncker.