Die Eskalation im Nahen Osten wirkt sich durch steigende Zinsen und höhere Risikoprämien auf Schwellenländeranleihen (EMD) aus. Eine strukturelle Verschlechterung des Kreditrisikos sei vorerst aber nicht zu erkennen.
Das sagt Senior Portfolio Manager Anthony Kettle von RBC BlueBay Asset Management in einem Interview mit Investment Officer. Seiner Meinung ergeben sich die Hauptauswirkungen des Konflikts derzeit nicht so sehr aus der Geopolitik selbst, sondern aus dessen Übergreifen auf die Inflation und die Zinsmärkte. Der JP Morgan Emerging Market Bond Index (EMBI) hat eine relativ lange Duration und reagiert daher empfindlich auf Zinsschwankungen.
„Es gab tatsächlich eine doppelte Auswirkung: Die Spreads habe sich ausgeweitet und gleichzeitig sind die Anleiherenditen gestiegen. Besonders viel Einfluss hatte der Anstieg der US-Staatszinsen. Diese Zinsentwicklung war für die Anleger schmerzhafter als der Anstieg der Risikoprämien“, so Kettle.
Der EMBI-Index verlor im März etwas mehr als 2,5 Prozent, wobei der Nahe Osten mit einem Rückgang von rund 3,2 Prozent etwas schwächer abschnitt als beispielsweise Lateinamerika, wo sich der Schaden auf rund 1,9 Prozent beschränkte.
Der Anteil des Nahen Ostens am EMBI-Index ist in den letzten Jahren auf rund 20 Prozent gestiegen. Dies macht die Anlageklasse anfälliger für geopolitische Spannungen in der Region. „Aber das geopolitische Risiko ist nicht auf den Nahen Osten beschränkt“, relativiert Kettle. „Wir sehen das auch in Lateinamerika, bei Russland-Ukraine und rund um China-Taiwan. Die allgemein höhere AA- oder A-Kreditqualität vieler Länder des Nahen Ostens wirkt in dieser Hinsicht als mildernder Faktor.“
Auf dem lokalen Währungsmarkt ist der Einfluss des Nahen Ostens geringer. Die Region macht nur etwa 7 Prozent des lokalen EMD-Index aus. Steigende Anleiherenditen und der starke Dollar setzen diesem Markt jedoch zu, meint Kettle.
Unterschiede zwischen den Ländern
Innerhalb des Nahen Ostens sieht Kettle deutliche Unterschiede. Insbesondere Bahrain steht aufgrund schwacher Schuldenindikatoren und wirtschaftlicher Anfälligkeit unter Druck. „Bahrain ist aufgrund seiner Verschuldung wahrscheinlich am anfälligsten. Dieses Land war in der Vergangenheit auf die Unterstützung der Nachbarländer angewiesen.“ Andere Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar sind hauptsächlich vom Anstieg der Zinssätze und weniger von den steigenden Spreads betroffen.
Laut Kettle gibt es derzeit keinen Grund zu der Annahme, dass das Kreditrisiko bei EMD strukturell gestiegen ist. „Das Kreditrisiko ist nicht höher als zuvor, zumindest nicht auf struktureller Basis.“ Nur in einem Szenario mit einer anhaltenden Eskalation könnten sich die Fundamentaldaten wirklich verschlechtern.
„In einem ‚Tail-Risiko‘-Szenario mit einem länger andauernden Konflikt könnten die Staatseinnahmen sinken und die Haushalte unter Druck geraten. Dann kann sich die Kreditqualität tatsächlich verschlechtern.“ Dabei erwähnt er auch die indirekten wirtschaftlichen Auswirkungen. „Eine Branche wie der Tourismus ist anfällig. Weniger Tourismus und weniger Zuwanderung könnten sich beispielsweise auf Branchen wie die Immobilienbranche auswirken.“
Gleichzeitig erwartet Kettle, dass die Regierungen in der Region eingreifen werden, wenn der wirtschaftliche Schaden steigt. „Man kann davon ausgehen, dass die Regierungen ihre Volkswirtschaften stützen werden, sobald sich mehr Stabilität einstellt.“
Ein möglicher langfristiger Effekt sei, dass energieimportierende Länder versuchen werden, ihre Abhängigkeit vom Nahen Osten weiter zu verringern. So wie Europa seit Beginn des Kriegs in der Ukraine seine Energiequellen diversifiziert hat, könnte Asien aufgrund der gestiegenen geopolitischen Risiken damit beginnen, dasselbe zu tun.
Effektive Renditen steigen
Die Frage ist, ob der jüngste Anstieg der Risikoprämien vorübergehend oder strukturell ist. Laut Kettle wird ein Teil des Anstiegs wahrscheinlich bestehen bleiben. „Wenn es eine Lösung gibt, werden die Risikoprämien teilweise wieder fallen. Aber es ist unwahrscheinlich, dass die Spreads wieder die absoluten Tiefststände von vor dem Konflikt erreichen werden.“
Er geht davon aus, dass die Spreads je nach den geopolitischen Entwicklungen um etwa 10 Basispunkte höher bleiben könnten als bisher. Gleichzeitig hat die Korrektur die Effektivrenditen von EMD auf ein deutlich attraktiveres Niveau gebracht. Die durchschnittliche Rendite stieg von rund 6,6 Prozent auf rund 7,2 Prozent.
„Die Spreads sind nicht unbedingt extrem attraktiv, aber die Renditen haben sich deutlich verbessert. Das ist es, worauf viele Investoren letztlich schauen“, sagt Kettle. Dies könnte langfristig Chancen eröffnen, obwohl es seiner Meinung nach zu früh ist, um aggressive Risiken einzugehen. „Wenn sich die Lage stabilisiert, könnten sich interessante Möglichkeiten ergeben. Aber im Moment ist die Unsicherheit noch ziemlich groß.“
Gewinner und Verlierer
Laut Kettle unterstreichen die aktuellen Marktbedingungen besonders die Bedeutung aktiver Entscheidungen in den Schwellenländern. Die Auswirkungen des Konflikts teilen die Schwellenländermärkte eindeutig in Gewinner und Verlierer.
Länder, die Energie importieren, sind am stärksten betroffen. Asiatische Länder wie die Philippinen, Thailand und Südkorea sind sowohl durch höhere Ölpreise als auch durch mögliche Engpässe bei der Gasversorgung gefährdet. In Mittel- und Osteuropa erlebt vor allem Ungarn eine starke Zinsanpassung.
Auf der anderen Seite stehen energieexportierende Länder wie Brasilien, Angola und Nigeria. „Wenn man irgendwo eine Position einnehmen muss, dann sind das die Länder, die sich am widerstandsfähigsten zeigen“, sagt Kettle. Lateinamerika profitiert auch von seiner größeren geographischen Entfernung vom geopolitischen Epizentrum. Die Türkei bleibt gerade wegen ihrer Abhängigkeit von Energieimporten verwundbar.
Das größte Risiko für EMD-Investoren ist Kettle zufolge letztlich nicht die Geopolitik selbst, sondern die möglichen makroökonomischen Folgen. „Die entscheidende Frage ist, wie anhaltend die Auswirkungen der Inflation sein werden und ob dies letztlich zu einer umfassenderen Wachstumsverlangsamung führt.“ Dabei warnt er vor einem Szenario, in dem eine höhere Inflation mit einem schwächeren Wachstum einhergeht.
„Wenn sich die Schocks auf Energie, Industrie und Lieferketten ausbreiten, könnte dies zu einem stagflationären Umfeld führen. Dies ist noch kein Basisszenario, aber es ist ein Risiko, das man in Betracht ziehen sollte. Es ist zwar noch zu früh, um das zu sagen, aber das ist ein weiterer Grund, warum Trump früher oder später einen Ausweg aus diesem Konflikt finden muss.“