Ein Dutzend großer europäischer Banken hat sich zusammengeschlossen, um ihren Kunden bis zum Ende dieses Jahres einen Euro-Stablecoin anbieten zu können. „Bei uns besteht eine größere Wahrscheinlichkeit als bei den FinTechs, dass wir einen breit unterstützten Stablecoin schaffen“, sagt Floris Lugt, CFO von Qivalis, dem Joint Venture, das die Kryptowährung emittieren wird.
Die Währung hat noch keinen Namen und es ist auch nicht bekannt, welche Banken sie ihren Kunden in diesem Jahr anbieten werden. Aber dass ein breit unterstützter Euro-Stablecoin kommen wird, ist so gut wie sicher. Zumindest wenn es nach Qivalis geht, dem Unternehmen, das Anfang des Jahres von einigen der führenden europäischen Banken (darunter KBC, ING, BNP Paribas und Unicredit) gegründet wurde. Mit dem Joint Venture werden zwei Ziele verfolgt, erklärt CFO Floris Lugt (im Bild) im Gespräch mit Investment Officer: „Wir treffen Vereinbarungen über die technologischen Standards, die wir verwenden werden, und wir werden es den Banken ermöglichen, dieses Zahlungsmittel noch vor Ende des Jahres anzubieten.“ Die größte Herausforderung dabei? „Die Gestaltung der Zusammenarbeit zwischen all diesen Akteuren. Die Technologie ist in jedem Fall nicht das Problem, die Organisation muss in Gang gebracht werden.“
Qivalis werde, sobald die Währung eingeführt ist, im Hintergrund bleiben, erklärt Lugt: „Qivalis wird die Maschine sein, die das Zahlungsmittel ausgibt, die Banken verteilen es und sind für den Kundenkontakt zuständig. Künftige Nutzer des Stablecoins werden nicht mit uns zu tun haben, unsere Kunden sind ausschließlich die Banken.“
Effizientere Transaktionen
Die Banken werden sich zunächst an international tätige Unternehmen wenden. „Stablecoins sind vor allem ein Mittel, um Transaktionen effizienter zu gestalten. Das heißt: schneller und billiger“, sagt Lugt. Dies betrifft vor allem Zahlungen von Europa auf andere Kontinente und umgekehrt. „Dabei gibt es immer noch Ineffizienzen und deshalb ist es teuer.“ Der CFO führt das Beispiel eines Reiseunternehmens an, das ständig Transaktionen mit mehr oder weniger denselben (internationalen) Partnern durchführt. „Diese haben jedoch alle ihre eigene Datenbank und ihr eigenes Hauptbuch und es gibt Unterschiede zwischen diesen. Dann werden Fehler gemacht, es müssen Korrekturen vorgenommen werden und es kommt zu Streitigkeiten. Alles ineffizient. Wenn man diese Transaktionen programmieren kann – sodass das System überprüft, ob alle Bedingungen für den nächsten Schritt in der Kette erfüllt sind –, wird es transparent und effizient.“
Eine zweite Anwendung ist die Abwicklung (das Settlement) auf den Kapitalmärkten. „Die Abwicklung internationaler Transaktionen kann bei einigen Arten von Anleihen zum Beispiel zwei Tage dauern. Um das Abwicklungsrisiko in dieser Zeit zu mindern, nutzen Anleger mehrere Intermediäre. Mit Stablecoins hat man diese Kosten nicht. Die Transaktionen werden innerhalb von Sekunden abgewickelt.“
Tokenisierte Vermögenswerte
Dabei handelt es sich in erster Linie um die Abwicklung von Transaktionen mit Vermögenswerten, die auch ‚on-chain‘ sind: tokenisierte Vermögenswerte. Dieser Markt wächst exponentiell, z. B. mit tokenisierten Geldmarktfonds, ETFs und Edelmetallen, hat aber immer noch relativ wenig Gewicht. Doch für Banken ist dies nach Meinung von Lugt ein interessanter Markt. Er sollte es wissen, denn er hat 20 Jahre lang bei der ING gearbeitet, bevor er am 1. Januar dieses Jahres zu Qivalis kam. Treasury und Finanzrisiken waren seine Spezialgebiete.
Ab 2016 war Lugt bei der ING dafür verantwortlich, neue Technologien zu verfolgen, die für die Treasury-Funktion relevant sein könnten. So lernte er die Blockchain-Technologie kennen, die heute gemeinhin als DLT (Distributed Ledger Technology) bezeichnet wird. Später wurde er sogar für die gesamte Strategie der Bank im Bereich der digitalen Vermögenswerte verantwortlich. „Für Großbanken ist die Digitalisierung in zweierlei Hinsicht relevant: Welche Möglichkeiten wollen sie ihren Kunden bieten und welche Bilanzrisiken sind mit diesen Technologien verbunden?“
Menetekel
Es waren immer FinTechs, die bei der DLT den Ton angaben, und die von ihnen entwickelten Anwendungen wurden immer wieder als Bedrohung für traditionelle Institute betrachtet. Nun aber sagen die Banken den Innovatoren den Kampf an und entwickeln selbst einen Standard für europäische Stablecoins. Ein Menetekel? „Meiner Meinung nach braucht man die Banken, um diese Anwendungen auszuweiten“, sagt Lugt. „Die Durchführung von Zahlungen ist der Kern ihres Geschäftsmodells und die Anwendungen der DLT sind alle auf die Durchführung von Transaktionen ausgerichtet. Nur: Auf der Blockchain fehlt immer noch ein Zahlungsmittel, das dem ‚echten‘ Euro in Bezug auf Zuverlässigkeit und Unterstützung nahe kommt. Der Stablecoin-Markt besteht derzeit noch zu 99 Prozent aus Dollar-Varianten.“
Das Vertriebsnetz der Banken sei ein weiterer Vorteil, den Qivalis gegenüber FinTechs hat, meint Lugt. „Tether und Circle, die beiden großen Emittenten von Dollar-Stablecoins, mussten ein eigenes Vertriebsnetz aufbauen, um direkten Kontakt zu den Nutzern zu haben. Die Banken, die an Qivalis beteiligt sind, können sofort ihre bestehenden Vertriebskanäle nutzen.“
Zu guter Letzt hat der Stablecoin von Qivalis aufgrund der breiten Unterstützung von mindestens 12 Banken bessere Chancen, ein Standard zu werden. „In jedem Fall ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass eine der vielen von den FinTechs derzeit angebotenen Optionen zu diesem Standard wird.“
Schweizer Banken wollen einen CHF-Stablecoin
Sechs Schweizer Banken werden gemeinsam Anwendungsfälle für einen an den Schweizer Franken gebundenen Stablecoin prüfen. Dies wurde in der Vorwoche angekündigt. Die Swiss Stablecoin AG, ein Unternehmen, das sich seit mehreren Jahren für eine digitale Schweizer Währung einsetzt, wird die technische Infrastruktur zur Ausgabe der Währung bereitstellen. Zunächst wird es sich um eine sichere digitale Testumgebung – eine Sandbox – handeln, die in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 einsatzbereit sein wird. In der Pressemitteilung erklären die teilnehmenden Banken – Raiffeisen, UBS, PostFinance, Sygnum, ZKB und BCV –, dass sie den Aufbau eines Schweizer Ökosystems für digitales Geld unterstützen wollen, mit dem das Ziel verfolgt wird, Transaktionen effizienter zu gestalten.
Wird bei Qivalis derzeit also ‚Transaktionsgeschichte‘ geschrieben? „Es bleibt spannend, wie sich das Ganze entwickelt“, antwortet Lugt. Über die erwartete Wachstumsrate will er sich nicht äußern. „Derzeit läuft das Antragsverfahren für die erforderliche E-Geld-Lizenz bei DNB. Dafür müssen wir bereits strenge Bedingungen erfüllen. Es ist etwa notwendig, jeden ausgegebenen Stablecoin vollständig mit liquiden Reserven zu decken. Sobald wir die Lizenz erhalten haben, werden wir die Währung ausgeben und dann hoffen wir, zu wachsen. Sollte die Bilanzsumme mehr als 5 Milliarden Euro betragen, gilt man für die Aufsichtsbehörden als ‚bedeutend‘ und es werden zusätzliche Bedingungen gestellt. Natürlich wollen wir in nicht allzu ferner Zukunft ‚bedeutend‘ werden, aber eine grosse Bilanz ist nicht ein Ziel an sich. Die Hauptsache ist, dass wir einen Marktstandard entwickeln.“
Vier digitale Zahlungsmittel
Ob das gelingt, hängt zum Teil von Variablen ab, auf die Qivalis keinen Einfluss hat. Lugt: „Der Markt ist voll mit Initiativen und Experimenten zur Digitalisierung und Tokenisierung von Vermögenswerten. Letztendlich werden vier digitale Zahlungsmittel nebeneinander existieren. Auf der Seite der Zentralbanken sind dies der digitale Euro und eine Großhandelsform dieses digitalen Euro. Auf der privaten Seite werden dies Stablecoins und tokenisierte Einlagen sein. Nur der digitale Euro, eine Einzelhandelswährung, wird nicht on-chain sein, die anderen Formen werden es sein. Aber welche Dynamik wird die Entwicklung all dieser digitalen Zahlungsmittel haben? Es ist schwer zu sagen, aber diese Dynamik wird sicherlich das Ergebnis unserer Arbeit beeinflussen. Also: Es bleibt spannend.“
Mitglieder der ersten Stunde
Neun europäische Banken haben im September 2025 ein Joint Venture gegründet, mit dem das Ziel verfolgt wird, bis Ende 2026 einen mit Micar, der europäischen Verordnung über Märkte für Kryptowerte, konformen Stablecoin zu emittieren. Banca Sella, CaixaBank, Danske Bank, DekaBank, ING, KBC, Raiffeisen Bank International, SEB und Unicredit waren die Gründer von Qivalis und somit Mitglieder der ersten Stunde. Am 1. Januar trat der Vorstand sein Amt an und BNP Paribas sowie DZ Bank schlossen sich dem Konsortium an. Im Februar trat auch der spanische Riese BBVA bei. Floris Lugt: „Wir führen derzeit Gespräche mit weiteren Banken: einerseits Banken, die auch Mitglied werden wollen, und andererseits Banken, die später als Vertreiber agieren wollen.“ CEO von Qivalis ist Jan-Oliver Sell, der unter anderem vier Jahre lang die Krypto-Handelsplattform Coinbase in Deutschland geleitet hat. Das Konsortium hat seinen Sitz in Amsterdam und rund 20 Beschäftigte. Diese Zahl dürfte sich bis Ende des Jahres mehr als verdoppeln.